DIENSTAG, 22. FEBRUAR 2011, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG NR. 43, SEITE 31: JETZT
Am siebten Tag sollst du Bilder machen!
Am siebten Tag sollst du Bilder machen!
An
einem Sonntag im Winter 2010 habe ich den Dokumentarfilm "Mädchen am
Sonntag" (Regie RP Kahl 2005) gesehen. Vier junge Schauspielerinnen
werden begleitet, es gibt keine Handlung, sie erzählen. Es ist der
Augenblick, der zählt. Fotografieren hat mit Festhalten zu tun, das ist
vielleicht der Anstoß gewesen für das erste Sonntagsfoto. Insgesamt gibt
es inzwischen ungefähr 200 davon.
Der
Sonntag ist immer noch ein besonderer Tag in der Woche, man nimmt sich
Zeit für Dinge, die sonst liegen bleiben – bleibt vielleicht selbst
länger liegen – liest Zeitung, hört dieses neue Album in Endlosschleife,
schaut raus und stellt fest, dass man in einer Straße wohnt, in der
sich drei Kaugummiautomaten befinden. Man trifft sich mit
Lieblingsmenschen auf Kaffee und Kuchen, sieht sich eine Ausstellung an,
geht spazieren. Soweit nichts Weltbewegendes, klar, und trotzdem
entsteht aus all diesen kleinen Ritualen das Sonntagsgefühl, diese
Enthobenheit gegenüber allen anderen Tagen. Diesem Gefühl wollte ich
einen Platz geben. Eigentlich dachte ich, ich würde das Projekt nach
einem Jahr beenden, nun sind aber die Fotos selbst zum Sonntagsritual
geworden und das Material dafür ist bis jetzt nicht ausgegangen. Weil:
Wir leben in einer Welt, die bestimmt ist von Konsum und Kultur. Wir
sitzen ja nicht mehr im Wald. Selbst unsere (Liebes)Beziehungen
definieren sich über Dinge. "Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck" (Berlin Verlag). Daherkommend wie ein Auktionskatalog wird hier über Fotografien die Geschichte einer zu Ende gegangenen Liebe erzählt. Was am Ende übrig bleibt, sind Postkarten, Mixtapes, uneingelöste Kinokarten usf. Etwa in der Mitte des Buchs sind zwei Kulturbeutel und drum herum aufgereiht deren Inhalt abgebildet. Diese beiden Fotos haben mich unbewusst dazu gebracht, die Sonntagsfotos so zu gestalten: als Stillleben von Dingen, meistens von oben fotografiert.
Fotos ermöglichen uns ein Draufgucken auf das Ding, in dem wir normalerweise drinstecken: Alltag.
2011: zur zeit hängen die sonntagsfotos im collegium, lange gasse 8, tübingen
(es gibt dort auch die besten kekse zum kaffee)
2011 - Juli 2013: texte und schauspiel für:
maria beig: "hochzeitslose" im theater lindenhof, melchingen
