everyday is like sunday

Sonntag, 23. März 2014

Gemeingut Frühling

Seit wann laufen denn alle jackenlos mit frohen Gesichtern durch die Stadt und nerven? Wie Leute, die im Kino hinter einem sitzen und bei jedem bekannten Schauspieler, der im Film auftaucht erstmal laut seinen Namen aussprechen müssen. Wie Hunde, die ständig ihr Bein zum Pinkeln heben. 
Wieso denken denn alle, dass der Frühling ihnen gehört?
Warum schlendern jetzt alle durch die Gassen und Straßen und Ach! Wie nett! Lassen sich vor Blumenkübeln fotografieren. Wieso nicht vor überquellenden Mülleimern?
Und klar, Baguettestangen und Ketchupflaschen ragen schon aus allen Fahrradkörben und sogar aus Taschen von Frauen in pastellfarbenen Etuikleidern.
NEIN! möchte ich rufen, Pssst! Seid doch mal still! Hört doch mal her! Noch nicht!
Für Grillgut ist der Sommer da.

Im März gibt es diese ersten warmen Tage, an denen die Fenster, Türen, Jackenknöpfe, Cabrioverdecke, auch Herzen aufspringen, wie Dornröschen, nach langem Winterschlaf.
Die Vögel zwitschern schon früh um halb sechs, die letzten Partygäste wanken jetzt im Morgenlicht nach haus. Zurückgekehrte Eisdielenbesitzer reißen die bunten Papierbögen, mit denen im Winter die Fenster verhängt waren, von einem Tag auf den anderen herunter, polieren die Scheiben und befüllen die Theken, vielleicht mit neuen Sorten, oder mit neuen Namen für alte Sorten. Die Cafés stellen wieder Tische raus und hängen bunte Decken über Stühle. Installation von Kissen- und Kuchenstapeln in Reichweite potentieller Gäste. 
Samstags holt man jetzt die platten Räder aus dem Keller und hat sogar Lust, Altglas wegzubringen oder noch schnell eine Runde laufen zu gehen.

Der März ist die Zeit für Übergangsjacken, Städtetrips, den klassischen Halbschuh.
Und klar, jeder sitzt nun in den Startlöchern, irgendwie stehen alle Zeichen auf „gehe über Los!“ Wenn man es schafft, die Steuererklärung rechtzeitig abzugeben, zieht man dann in ein paar Monaten vielleicht noch etwas Geld ein. Aber Obacht!

Man sollte sich nicht weiter (vorwärts) wünschen als man es ist, sagte neulich eine weise Freundin beim Spazierengehen am ersten Sonntag im März.
Es war sonst fast keiner unterwegs. Der Winter steckte den Bäumen und Sträuchern, den Ästen, der Wiese, dem Moos, ja selbst dem Bach noch in den Knochen. Und trotzdem lag schon Frühling in der Luft. Der Wind nicht mehr so kalt, wie noch vor ein paar Wochen, das grau nicht mehr nur grau, sondern grüngrau, ins bräunliche, ein graugrünbraun, das auch ein bisschen ins bläuliche hinüber spielte (um es mit Loriot zu sagen).

Das Schöne an dieser Zeit ist, dass alles noch vor einem liegt: das große Knospen und Blühen und Ah! Und Oh! Bald werden Blumen pop-up-artig aus Kästen und Beeten und Wiesen sprießen, Picknickdecken sich auf Wiesen aus- Tagestouristen in Bussen an-rollen. Bald...! Schlangenbildung vor Innenstadteisdielen und Bankautomaten! Trägerlose Tops, kurze Hosen. Bald...
HALT.

Moment mal, ist das etwa GRILLGERUCH, der da vom Park rüberweht?
Kam mir da gerade eine Frau im Sommerkleid entgegen? Trägt denn jeder in der Stadt plötzlich eine Eistüte vor sich her, mit mindestens drei Kugeln?
Und Sonnenbrille? Wieso hat der Typ mit den Flipflops auf der anderen Straßenseite schon so braune Beine? Lagert denn insgeheim JEDER seit Mitte Februar einen beachtlichen Vorrat gekühltes Bier und Radler bei sich im Kühlschrank falls es mal 15 Grad im Schatten hat?

Noch ist März: blasse Beine und Gebäck. Vorfrühlingssausen. Still hüpfende Vorfreude und Schüchternheit, ja! Schüchternheit! Sommersprossen. Langsamkeit und Limonade. Zögern. Zoobesuche. Von mir aus erste Sonnenbrände, die man sich aus Versehen auf der ersten, kleinen Radtour holt.

Es sind doch jetzt die Tage auf Treppenstufen zu sitzen. Die Tage der 1000 Möglichkeiten und des Konjunktivs. Sich wundern, dass die Sonne schon so wärmt.
Nichtsdestotrotz, die Treppenstufen sind noch kalt. Der Himmel könnte jeden Moment wieder zuziehen. Aber falls es wieder zu regnen beginnt, könnte man sich unter ein Eisdielen-Vordach flüchten und die erste Kugel Panna-Cotta-Eis bestellen, im Becher nicht in der Waffel. Es wären auch fast keine Menschen da, und wenn, nur trübe Mienen, und man hätte den Frühling doch noch kurz für sich allein!

Erschienen in: Schwäbisches Tagblatt, Kulturphänomene (79), 21.03.2014

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