fünf
Game Over beim Tetris und schwitzige Hände. Geduldsprobe für Kinder auf dem
Rücksitz. "Wann sind wir endlich da?"
Neun
Euro hart verdienen. Hundert Euro leicht verdienen. 12 Mal dieses Lied auf
Repeat. Vier Anrufe in Abwesenheit. Ein Mal Feinwäsche. 55 Mal 800 Umdrehungen.
Einen Hund begraben, den man liebte.
Verfassen
und Verwerfen einer Kurzmitteilung. Einen Kürbis zu Suppe kochen. 400
verbrauchte Kalorien beim Zumba. Halbwertszeit einer Packung Taschentücher bei
Schnupfen. Zwei Heißgetränke in kleinen Schlucken trinken. 50 Bahnen ziehen.
Eine Runde gehen. Eine Diagnose erhalten während ein Kuchen im Ofen aufgeht.
Eine
große Dummheit machen oder mehrere kleine. 1800 Boxenstopps à 2 Sekunden. Einen
Rucksack voller Wissen vortragen. Zwei Zahnfüllungen. Ein Mal einen mittleren
Hügel Hoch und wieder Runter gehen. Einen Anruf vom Krankenhaus langsam
verstehen. Wetterumschwung.
Zwanzig
Seiten eines Romans durchschnittlich schnell lesen. 100 km und drei Städte mit
dem Auto durchfahren. Beschäftigung mit dem Feuilleton. Drei Mal anhalten
müssen weil einem vom Lesen im Auto schlecht wird. 15 Fahrzeuge überholen. Zwei
Mal geblitzt werden.
Ein
Flug in eine europäische Großstadt. Ein gutes Gespräch. Zwei Höhepunkte und
hinterher duschen. Eine Halbzeit beim Fußball plus fünfzehn Minuten. Vier mal
Tagesschau. 600 Atemzüge. Drei bis fünf Biere. Einen Fremden erobern. Jemanden
zum Heulen bringen und ihn anschließend trösten. Waschen, Schneiden, Legen. Ein
Regal zusammenschrauben. 10 Mal Fluchen. Eine Straße suchen. Drei Menschen nach
dem Weg fragen. Ankommen. Den Schlüsseldienst rufen. Mit jemandem persönlich
Schluss machen. Mit jemandem am Telefon Schluss machen geteilt durch zwei. Ein
Rätsel anfangen und lösen. Um die Ecke gedacht zu dritt.
Einen
Ring aussuchen und kaufen. Eine Frage stellen und auf Antwort warten. Vier
Platzregen. Einen Film herunterladen. Ihn zu zwei Dritteln sehen. Einer
Schlüsselperson begegnen und sie als solche erkennen.
Einen
Korb Hemden bügeln. Fünf Werbepausen. Eine Mittagspause. Eine große
Hafenrundfahrt. Die Abholung eines Kindes vergessen, weil man den Eisschrank
abtaut. Drei Tore schießen. Sich erkälten. Einen Schlussstrich ziehen, der
einen Kilometer lang ist. Ein Kind empfangen. Pläne schmieden. Eine
Geschäftsidee haben. 86.400 bewegte Bilder sehen. Den Höhepunkt der
Betrunkenheit ansteuern. Ein Vollbad nehmen. Sich vorstellen, wie man mit einem
Bart aussähe, es dann aber verwerfen. Alle Knöpfe gleichzeitig drücken. Die
Spannung halten. Vorfreude. Die Dauer des ersten Akts.
60
Minuten. Die Zeit, die man bereit ist auf eine gute Pizza zu warten. Die Zeit,
die man bereit ist auf gute Liebe zu warten mal 8000. Beschließen
abzuhauen. Losgehen. Es sich dann anders überlegen und zurückkommen, als ob
nichts wäre. Gute Mine machen bis einem der Kragen platzt. Neue Saiten
aufziehen. Alle Hebel in Bewegung setzen. Abgeholt werden. Auftauen.
Einfrieren. Etwas richtig versauen. Drei schnelle Gänge beim Essen. Drei mal
dem Sättigungsgefühl ein Schnippchen schlagen. Eine Ausfahrt frei schippen. 20
Emails empfangen. Fünf davon lesen, fünf löschen. Eine beantworten. Den Rest
aufheben. Happy Hour. Anhaltende Freude über etwas lang vermisstes, das man in
der Jackentasche findet. Ein Neugeborenes im Arm halten, bis es einschläft und
im Arm ein Taubheitsgefühl eintritt. Schlange stehen. Eine Nummer ziehen. Eine
Nummer sein. 15 Minuten Ruhm mal vier. Den langen Weg nach haus nehmen.
Jemanden
überraschen wollen. Ihn stattdessen vergrätzen. Drei Achterbahnfahrten.
Anhaltende Übelkeit. Sich verlaufen. Nachdrücklich nein sagen. Einen bleibenden
Eindruck hinterlassen. Laut lachen. Dann nahtlos ins Weinen kommen.
Wiederholung und beliebige Reihenfolge.
Ein
Stratosphärensprung. 1342 Kilometer. Eine Flasche Wein und eine zweite
anbrechen. Einbrechen der Dunkelheit. Eine Bank ausrauben und dabei die Nerven
behalten bis man im Fluchtwagen sitzt. Beschließen ein Instrument zu lernen.
Dann beschließen dass man zu alt dafür ist. "Ich hab doch keine Zeit." Sich um
Kopf und Kragen reden. Zeit zu gehen. Zeit zu schlafen.
Die Brötchentüte, Symbol für täglich wiederkehrenden Hunger und Hoffnung, wird abwechselnd von Marko (Lars Eidinger) und Jakob (Sebastian Zimmler) über die elterliche Türschwelle getragen, transportiert möchte man fast sagen. Mutter Gitte (Corinna Harfouch), die sie abwechselnd beim Vornamen und "Mama" rufen, es wird viel gerufen, steht in der Küche, schiebt Möhren in die Saftpresse. Markos kleiner Sohn Zowie hilft. Er trägt meistens eine Tigermaske. Die Masken der Erwachsenen sind unsichtbare. Dass sie seit zwei Monaten ohne Medikamente auskommt verkündet Gitte im Kreis der Familie. 60, also gut hundert Jahre sei sie mit ihrem Mann Günter (Ernst Stötzner) verheiratet, ihre Depression und sie feierten inzwischen 30-jähriges.
Nun, da die Söhne festen Boden unter den Füßen haben (denkt sie) möchte sie genau diesen Boden selbst spüren. Möchte selbst auch etwas wagen, nachdem Günter den Verlag abgegeben hat. Sie wirkt bei sich angekommen, souverän und doch verunsichert. (Man könnte sich diese Gitte kaum von einer anderen Schauspielerin als von Corinna Harfouch gespielt vorstellen.)
Für die Familie, vor allem für Günter und Jakob ist sie eine Zeitbombe. Wie viel kann man ihr zumuten? Jeder trägt ein Geheimnis mit sich herum. Gitte weiß noch nicht, dass Marko getrennt von Zowies Mutter lebt. Auch nicht, dass Jakobs Zahnarztpraxis kurz vor der Pleite steht.
Hans-Christian Schmids "Was bleibt" macht die Übergänge von Außen und Innen sichtbar, von Draußen und Drinnen, mal scheinen sie unüberwindlich, dann wieder fließend. Die Familie ist sich nah, zum Beispiel beim Fußballspielen im Garten, trotzdem ist jeder auf seine Art eine Black Box. Jedes Wort ist gefährlich. Ein Film wie ein Kippmoment. "Du läßt dich gehn'" singen Gitte und Günter, Marko spielt dazu Klavier. Die familiäre Interpretation des Chansons von Charles Aznavour versinnbildlicht ihr Dilemma. Dass da Spuren von Glück sind und immer waren, es ist eigentlich alles da. Dann im nächsten Moment zerspringt ein Glas.
(Heimliche) Hauptfigur des Films ist Marko, großartig gespielt von Lars Eidinger. Er lebt längst nicht mehr im selben Ort wie die Eltern und sein Bruder. Er wollte eigentlich nur ein ruhiges Wochenende verbringen "Kein Bock auf das Theater. Ausschlafen, futtern, gut is." Sagt er zumindest. Weil da räumliche Distanz zwischen ihm und den Eltern ist, kann er direkter handeln als sein Bruder Jakob. Marko macht den alten R4 wieder flott, mit dem Gitte eines Morgens wegfährt, zum Brötchen holen, hofft man als Zuschauer und natürlich weiß man's besser. Dann weiß man wieder gar nichts. "Was man liebt muss man loslassen und wenn's zurückkommt, dann bleibt's." Den Tisch hat Gitte noch gedeckt und Zowie aufs Sofa zu seinem Vater gelegt. Die ästhetische Kraft der Bilder, die Musik von The Notwistempfindet man als tröstendes Gegengewicht zum unvermeidlichen Lauf der Dinge.
ImZustand relativer Hoffnungslosigkeit flüchtete ich mich letzten Sommer
ins Kino, es spuckte mich beglückt wieder aus. Bei einem damals neuen
Nachbarn klingelte ich anschließend, um ihn nach Paris zu schicken. Mit "Midnight in Paris" hatte Woody Allen eine Art Raum des "Alles ist möglich, du
musst es dir nur genug wünschen" geschaffen. Wie geschaffen, um noch Tage
später in dieser Stimmung eines lauen Pariser Sommerabends durch die eigene
Stadt zu gehen, die natürlich nicht an der Seine liegt, unter dem Eindruck des
Films aber glänzender erschien als vorher, jede Nebengasse barg vielleicht eine
Überraschung. Darüber hinaus offenbarte sich Owen Wilson geradezu als
Inkarnation der Nachfolge für Woody Allen in der Rolle des neurotischen
Flaneurs Gil, den Allen früher sicher selbst gespielt hätte.
Dass Woody Allen selbst wieder
mitspielt ist ein Grund zur Vorfreude auf "To Rome with Love".
Kaum Platz genommen, an einem trüben
Montagnachmittag, wird man auf der Piazza Venezia direkt von einem
Verkehrspolizisten in Empfang genommen. Er ist sich sicher, auf seinem Podest
den besten Aussichtsplatz auf die vielen Geschichten, die vielen Gesichter der
Stadt zu haben. Und schon ist man mittendrin. Staunt über das Tempo in der
italienischen Metropole: Zusammenstoßen, verlieben, verloben,
15-Minuten-Berühmtheit, Schlamassel und kalte Duschen. Prost Mahlzeit, Salute!
Woody Allen spielt den alternden
Opernregisseur Jerry, der mit seiner Frau Phyllis (Judy Davis) aus New York
nach Rom fliegt, um den Verlobten seiner Tochter kennen zu lernen. Dabei stand
die doch gerade noch orientierungslos mit einem Stadtplan mitten in Rom und
wusste nicht weiter! Bis der schöne Michelangelo (Flavio Parenti, bekannt aus "I am love")sie ein Stück begleitete, weil
er sowieso in dieselbe Richtung musste. Der Rest ist schnell erzählt,
Abendessen, Kerzenlicht, Amore. Mio!
Noch traumatisiert vom Flug gibt
Allen alias Jerry dem Vater Michelangelos die Hand, der wiederum hat ein
Bestattungsunternehmen und bemerkt, noch keine Zeit gehabt zu haben "sich
frisch zu machen." Wahnsinnig komisch, wie Jerry, der noch gut 50, 60 Jahre
leben will, unfreiwillig mit dem Tod in Berührung kommt. Wie er zum Bruschetta
greift, daran riecht "Formaldehyd, köstlich" sagt, das Gesicht verzieht und es
zurück auf den Teller legt. Derweil ist der Gegenschwieger unter die Dusche
gesprungen, singt lauthals Arien und bringt Jerry auf eine Idee. Hoffnungslose
Projekte seien seine Art der Erfüllung diagnostiziert Phyllis, die Psychiaterin
ist. Das erste Abendessen verläuft glimpflich, die sehr unterschiedlichen Positionen der Familienmitglieder sind köstlich anzusehen.
Die Szenen mit Woody Allen sind
zweifellos die, in denen man laut lachen muss.
Die Besetzung des Films ist
erstklassig. Herrlich skurril, Roberto Benigni als italienischer Durchschnittsbürger
Leopoldo, der plötzlich zum Liebling der Presse wird und Interviews im
italienischen Fernsehen gibt. "Was haben sie heute Morgen gefrühstückt,
Leopoldo?" "Zwei Scheiben Toast mit Marmelade und einen Milchkaffee."
Währenddessen klopft Penélope Cruz
als Prostituierte Anna versehentlich an der falschen Hotelzimmertür und der
junge Architekturstudent Jack begegnet seinem Rollenvorbild, das sich als
schlechtes Gewissen in Persona entpuppt (Alec Baldwin). Auch er hat einst in
Rom gelebt und die gleichen Fehler wie der junge Jack gemacht. Trotz lautester
Warnsignale verliebt sich Jack in die beste Freundin (Ellen Page) seiner
Freundin Sally (Greta Gerwig), natürlich es konnte ja nicht anders kommen!
Fast wie ein Episodenfilm kommt "To
Rome with Love" daher, bloß ohne die Verbindung der Geschichten und ohne
Auflösung. So wie sie aus allen Richtungen kamen, leben und lieben sie wohl
alle verstreut voneinander weiter. Aber ihnen bleibt ja Rom!
Ein bisschen mehr Allen, ein
bisschen weniger Baldwin hätte ich mir stellenweise gewünscht. Irgendwie will
er als einziger nicht so recht nach Rom passen.
Frohgemut verlasse ich das
Kino, es ist fast dunkel, und kein Hochgefühl springt an, wie Straßenlaternen,
damals in Paris und ich klingele auch nicht an fremden Türen.